Auslandjahr als Karriere-Schub


Interkulturelle Kompetenz – besser Chancen beim Berufseinstieg (Hamburger Abendblatt)


Wer sich schon als Schüler in der Fremde durchgebissen hat, glänzt später im Job mit Neugier und Mut.

Alec Hallmann hat eine aufregende Zeit hinter sich. Nach seinem Realschulabschluss 2007 ist er im Alter von 16 Jahren für ein Jahr nach Thailand gereist, um im Norden Bangkoks bei einer Gastfamilie zu leben und eine Schule zu besuchen. "Anfänglich hatte ich viel Heimweh und Schwierigkeiten mit dem Eingewöhnen. Nach ein paar Wochen fand ich Anschluss und konnte mich besser verständigen. Da ging es mir dann schon viel besser", erinnert sich Alec, der seit vier Wochen wieder in Hamburg ist. Mit einigem Abstand wird ihm bewusst, wie viele wertvolle Erfahrungen er in Thailand machen durfte. "Die Thailänder sind extrem offen, freundlich und stets darum bemüht, Gutes zu tun. Das erleichtert das Zusammenleben", sagt Alec. Jetzt will er erst mal sein Abitur machen. Er hofft, dass das Auslandsjahr positiv ins Gewicht fallen wird, wenn er sich später um einen Job bewirbt.

 

So wie Alec Hallmann wagen jedes Jahr etwa 13 000 Jugendliche aus Deutschland den Blick über den Tellerrand und verbringen sechs bis zwölf Monate im Ausland. Unabhängig von ihrem späteren Werdegang berichten fast alle Teilnehmer an Austauschprogrammen, dass sie nicht nur im Hinblick auf ihre persönliche Entwicklung profitiert hätten. Die meisten ehemaligen Austauschschüler stellen auch einen positiven Einfluss auf ihre berufliche Entwicklung fest.

 

Personaler achten auf Auslandserfahrung Zu ihnen gehört Alexandra Fischer (33). "Ohne meine Auslandserfahrung wäre ich vermutlich nicht zum Bewerbungsgespräch bei Unilever eingeladen worden", sagt die Personalleiterin, die für die Unilever-Werke in Buxtehude und Mannheim zuständig ist. Die Juristin verbrachte ihr Austauschjahr in der Nähe von Chicago. Außerdem war sie während des Referendariats einige Monate in Sydney und nach dem Studium auf Weltreise.

 

Wenn Fischer heute Mitarbeiter einstellt, achtet sie selbst auf deren interkulturelle Kompetenz. "Mitarbeiter, die im Ausland gelebt haben, zeichnen sich meist dadurch aus, dass sie sich weiterentwickeln wollen, offen für Neues und mutig sind. Sie haben sich mit anderen Sichtweisen auseinandergesetzt und sind sicherer im Umgang mit Kunden oder Kollegen anderer Kulturen. Solche Leute brauchen wir nicht nur bei Unilever, sondern auch in unserer sich verändernden Gesellschaft."

 

So wie die Personalerin sehen es die meisten ihrer Kollegen in anderen Unternehmen: Wer heute Karriere machen will, sollte unbedingt Auslandserfahrung vorweisen können. Schüleraustausche sind auf jeden Fall ein Pluspunkt, wenn es darum geht, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Generell jedoch ist es nicht so relevant, wann man ins Ausland geht, sondern dass man es überhaupt macht.

"Grundlegend geprägt" wurde auch der promovierte Chemiker Peter Steck durch sein Austauschjahr. Nach der zehnten Klasse ging er 1990 für zwölf Monate in die Kleinstadt Eden in der Nähe von Buffalo (USA). "Es war ein schönes, aber nicht immer leichtes Jahr", resümiert Peter Steck, der lange als Unternehmensberater tätig war und seit Januar Leiter der Produktionsplanung bei Carlsberg ist. Gefallen haben ihm vor allem die Offenheit und Herzlichkeit der Amerikaner, aber auch das große Angebot an der High School. "Ich habe während des Jahres unter anderem gelernt, Dinge unvoreingenommen zu betrachten und Anderssein zu akzeptieren. Außerdem habe ich bereits als Teenager begriffen, dass vor dem Beurteilen stets das Verstehen kommen sollte. Das hat mir insbesondere bei meiner Tätigkeit als Unternehmensberater geholfen."

 

Der Deutsch- und Englischlehrer Michael Leetz bewertet Auslandsaufenthalte ebenfalls grundsätzlich positiv, gibt aber zu bedenken: "Der Wunsch, ins Ausland zu gehen, sollte immer von den Kindern selbst ausgehen. Leider kommt es immer wieder vor, dass ehrgeizige Eltern ihren Nachwuchs dazu überreden. Für die Schüler können Auslandsaufenthalte dann zu einer traumatischen Erfahrung werden."

 

Ziele in Osteuropa und Asien immer beliebter Nordamerika, Australien und Neuseeland gehören seit vielen Jahren zu den beliebtesten Ländern für einen Schüleraustausch. Bewerber seien aber offener geworden, sagt Mick Petersmann, Geschäftsführer der gemeinnützigen Jugendaustausch-Organisation AFS. So würden immer mehr Schüler feststellen, dass auch ein Aufenthalt in einem lateinamerikanischen, osteuropäischen oder asiatischen Land eine lohnende Erfahrung sein kann, die sich auch im Lebenslauf gut macht. Seit mittlerweile 60 Jahren ermöglicht AFS deutschen Schülern interkulturelle Begegnungen in mehr als 40 verschiedenen Ländern.

 

Die meisten Austauschschüler gehen nach der zehnten Klasse ins Ausland. Auslandsschuljahre können auf Antrag anerkannt werden, wenn die Leistungen der Schüler den Voraussetzungen für die Versetzung in die Studienstufe entsprechen. Der Eintritt in die Studienstufe ist in Hamburg jedoch nur zu Beginn des ersten Halbjahres möglich, da alle vier Halbjahre der Studienstufe besucht werden müssen.

 

Peter Steck war nach seinem Austauschjahr als Schüler noch zweimal für mehrere Monate in den USA sowie in Chile. "Auslandsaufenthalte sind wie ein Virus. Sie machen süchtig und lassen einen nicht mehr los", sagt er. Die Erfahrungen, die man bei späteren Aufenthalten im Ausland mache, seien allerdings nie mehr so intensiv wie in der Jugend. "Beim ersten Mal ist man für kulturelle Feinheiten eben weitaus empfänglicher."

 

Quelle: Hamburger Abendblatt, 28.06.20188.

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